Nach dem grandiosen Start der Interview-Reihe (hier und hier) folgt heute bereits Interview Nummer Zwei. Hier bin ich auf die liebe Maike von Freshfruityfitgirl gestoßen und war sofort an ihrer persönlichen Geschichte hinter dem Blog interessiert. Maike gründete ihrem Blog aus ganz anderen Vorraussetzungen, als viele andere Mädels, denn im Jahr 2012 wurde ihr eine chronische Erkrankung diagnostiziert, die ihr Leben erstmal auf den Kopf stellte. Zudem rutschte sie durch den Druck der Gesellschaft und der Medien zusätzlich in eine Essstörung. Doch sie schaffte den Weg aus der Esstörung und wurde in ihrem Ziel bestärkt, den Leuten zu zeigen, wie gesunde Ernährung funktioniert. Mitterweile belegt sie Kurse am Ernhärungsinstitut Karlsruhe und will sich nach ihrem Abschluss in diesem Bereich selbstständig machen.

Wie hat sich deine Erkrankung bemerkbar gemacht und wie äußert sie sich genau?
Meine chronische Darmerkrankung hat sich komplett über das Jahr 2012 immer mal wieder bemerkbar gemacht. Mal durch Appetitlosigkeit, mal durch starke Bauchschmerzen und Krämpfe und durch Schlappheit, Fieber und Schwindelgefühle. Das sind automatisch auch die häufigsten Anzeichen für eine chronische Darmerkrankung (hinzu kommt noch das Blut im Stuhl). Nach mehreren Ärztebesuchen bekam ich dann im Dezember 2012 die Diagnose und man konnte mit den verschiedenen Medikamenten zur Behandlung anfangen. Da chronische Erkrankungen bist jetzt noch nicht heilbar sind und die Krankheit immer Schubweise auftritt, muss man ein Medikament finden, dass die Zeit zwischen den Schüben so lange ausdehnt, wie möglich.

Wie kam es zusätzlich dazu, dass du daraufhin in eine Essstörung gerutscht bist?
Ich glaube, dass ganz viele Mädchen und junge Frauen, egal ob mit einer Erkrankung oder ohne, zur heutigen Zeit viel zu leicht in eine Essstörung rutschen. Man vergleicht sich mit anderen Mädels, möchte abnehmen oder bekommt es von der Gesellschaft leider auch nicht anders vorgelebt. Ich hatte schon immer eigentlich ein Bewusstsein für gesunde Ernährung. Durch die Erkrankung und die vielen verschiedenen Medikamente, die ich getestet habe. hatte ich natürlich verschiedene Nebenwirkungen. Bei dem einen Medikament habe ich absolut an einer Appetitlosigkeit gelitten. Nach und nach hat man sich dann ans „wenig essen“ gewöhnt. Als ich dann mal zufällig auf der Waage stand und abgenommen hatte, habe ich angefangen mich in Bilder von Instagrammern hineinzusteigern und mich nur noch damit befasst genauso aussehen zu wollen. Da ich ja durch die Medikamente 1-2 Monate sowieso fast keinen Hunger hatte, hat sich mein Körper an das wenige Essen gewöhnt und ich konnte immer weiter und weiter abnehmen und somit auch noch weniger essen.

Hast du dir professionelle Hilfe gesucht, um aus der Essstörung herauszufinden?
Mir war während der kompletten Zeit vollkommen klar, dass ich den größten Mist mache und das meine Ernährung zu diesem Zeitpunkt alles andere als gut und gesund war. Aber dieses Gefühl, auf der Waage zu stehen und die Zahlen immer weniger werden zu sehen, war irgendwie eine Art Wettkampf mit mir selber. Ich musste aufgrund meiner chronischen Erkranung sowieso in die Reha. Andererseits bin ich auch extra in die Reha gegangen, da meine Eltern, die Familie von meinem Exfreund und mein Exfreund natürlich wollten, das ich wieder normal im Kopf werde und den Umgang mit Mahlzeiten wieder kennenlerne. Da ich während der Reha aber noch weit davon entfernt war, den Schritt in die richtige Richtung selber zu wollen, war die Reha nur wenig sinnvoll. Ich habe zwar angefangen wieder mehr zu essen, aber trotzdem immer noch geschaut, das es wenige Kalorien hat.

Interview mit Maike von FreshfruityfitgirlWie hat dein Umfeld auf die jeweiligen Erkrankungen reagiert?
Mein Umfeld hat eigentlich auf beide Erkrankungen positiv und toll reagiert. Das hab ich aber leider erst später erkannt und konnte es auch erst später wertschätzen. Im Bezug auf die Darmerkrankung war ich einfach überfordert. Mein Exfreund kam aus einer Arztfamilie, da war ich gut aufgehoben, aber schon alleine die ganzen Medikamente haben mein Leben und mein Verhalten in dieser Zeit komplett auf den Kopf gestellt. Meine Eltern (so wie die meisten Eltern eben sind) haben sich natürlich ständig Sorgen gemacht und wollten mich zu den verschiedensten Ärzten schicken.
Meine Freunde mussten in dieser Zeit komplett zurück stecken. Es konnte sein, dass ich morgens total fit war und abends dann aber Fieber hatte oder viel zu kraftlos. Das Thema Weggehen und außerhalb Essen war da ja sowieso eine Katastrophe. Ich konnte nirgends hingehen, wollte nirgends hingehen, weil ich mich ja an meine Ernährungspläne im Kopf halten musste. Das alles hat natürlich nicht nur das Verhältnis zu meinen Eltern, sondern auch zu Freunden und meinem Exfreund ziemlich verkompliziert.

Inwiefern haben diese beiden Krankheiten dir deinen jetzigen Weg geebnet? In Zukunft würdest du ja auch gerne hauptberuflich als Fitness- und Ernährungscoach arbeiten?
Ich glaube irgendwann wacht man einfach auf. Ich hoffe doch zummindest, dass alle mal aufwachen. Manchmal ist es dann, was Freunde oder Familie betrifft vielleicht zu spät aber irgendwann muss man sich selber einfach retten. Durch das Ausprobieren vieler verschiedener Medikamente wurde ich auf 3 Medikamente eingestellt. Das eine Medikamente hat mich endlich in eine beschwerdefreie Zeit gebracht, in der ich jetzt seit fast einem Jahr bin. Das fühlt sich ziemlich toll an und darüber bin ich auch total froh.

Die Essstörung loszuwerden hat weitaus länger gedauert. Ich habe zwar öfters gedacht ich wäre über den Punkt und alles wäre wieder ok, aber schon alleine am nächsten Tag weniger oder fast nichts zu essen, nur weil man am Tag davor zu viel gegessen hat, ist nicht normal. Ich würde jetzt behaupten das ich knapp seit einem halben Jahr komplett alles genießen kann. Damit meine ich, dass ich ins Kino gehen kann und Popcorn essen kann ohne mich dabei schlecht zu fühlen. Ich kann mit meiner Schwester frühstücken gehen und einfach das nehmen, worauf  ich Lust habe. Ich kann mich noch genau dran erinnern, wie stolz ich auf mich selber war, als ich vor ein paar Monaten mit einer Freundin etwas essen war und wir danach im Kino Popcorn gegessen haben. Das war der Knackpunkt für mich.

Seitdem liebe ich es gesund und ausgewogen zu kochen und zu backen. Ich liebe es neue Rezepte zu kreieren und an meinem Blog zu arbeiten. Ich möchte unbedingt alles über Lebensmittel, Nährstoffe, Zusammensetzungen und Co erfahren, möchte anderen dabei helfen sich gesund und ohne Diät zu ernähren. Deswegen starten meine Seminare an einem Ernährungsinstitut in Karlsruhe im Oktober. Ich kann es kaum erwarten die Prüfungen im Dezember 2016 hinter mir zu haben, um mich dann selbstständig machen zu können.

Interview mit Maike von FreshfruityfitgirlHat dir dein Blog geholfen mit deinen Erkrankungen umzugehen? Und haben dich darüber vielleicht auch schon Personen kontaktiert, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben?
Ja, mein Blog hat mir dabei sehr geholfen. Ich muss sagen, dass das Internet ein wirklich gefährliches Umfeld für Leute mit einer Essstörung ist. Jeder schreibt etwas über Low Carb, High Car und über irgendwelche Ernährungsmythen – furchtbar. Warum kann man sich nicht einfach bewusst ernähren, das Essen genießen, Sport machen und glücklich sein?
Mich haben einige liebe Mädels (und ab und zu sogar Jungs) kontaktiert und wollten wissen, wie und warum ich mich so ernähre und was ich zu low Carb und Co meine. Meine Antwort fällt jetzt natürlich komplett anders aus als vor einem Jahr aber dazu lernt man ja immer dazu.

Würdest du im Nachhinein sagen, dass es irgendwo gut war, dass du mit diesen beiden Schicksalsschlägen auf die Probe gestellt wurdest? Weil du sonst vielleicht in deinem Leben an einem ganz anderen Punkt wärst und nun viel stärker und fokussierter, als vorher bist?
Ehrlich gesagt bin ich froh, dass beide Krankheiten ein Teil von mir waren  besser gesagt, die chronische Erkrankung immer ein Teil von mir sein wird. Ich freu mich natürlich nicht „krank“ zu sein, aber man lernt Dinge einfach anders wahrzunehmen, Freunde und Familie mehr zu schätzen und an sich selber zu arbeiten. Klar hat man durch diese Zeit auch Verluste erlebt. Am meisten tut mir Leid, wie blöd mein Verhalten gegenüber den Leuten war, die ich liebe oder geliebt habe.

Aber ich bin natürlich total glücklich, dass ich durch die beiden Krankheiten meinen eigenen Weg und meine große Liebe zum Kochen und Backen entdeckt habe und es nun als Beruf umsetzen kann/werde.

Wofür bist du in deinem Leben besonders dankbar?
Ich bin dankbar dafür, genau die richtigen Menschen in den schwierigen Momenten um mich gehabt zu haben. Und natürlich, dass sie nie locker gelassen haben mich zu unterstützen & mir somit geholfen haben mich selber zu finden.

Fotos © Maike von Freshfruityfitgirl

4 Comments

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    Posted 14. Oktober 2015 11:52
    by Lotta

    Ganz tolles Interview!

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    Posted 14. Oktober 2015 14:58
    by Anni

    Wow echt ein tolles sehr berührendes Interview! ich liebe Menschen, die etwas durchlebt haben, die eine Geschichte zu erzählen haben. Ich wünsche ihr viel Glück auf ihrem weiteren Weg und viel Erfolg damit Menschen zu berühren und zu begeistern 🙂

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    Posted 14. Oktober 2015 15:20
    by Amy

    Ein richtig starkes Interview! Ich wünsche Maike weiterhin alles Gute auf ihrem Weg.
    Viele Grüße,
    Amy

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    Posted 15. Oktober 2015 13:15
    by Jana

    Ein sehr interessantes Interview. Liebe Grüße aus Gröden Skigebiet

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