Lange habe ich überlegt, ob ich diesen Artikel schreiben soll oder nicht; aber aus aktuellem und akutem Anlass und einer großen Masse an Statements im Netz, war es nun auch für mich an der Zeit, sich zu äußern und meine sehr persönlichen Erfahrungen preiszugeben. Vielleicht hilft dieser Beitrag dem ein oder anderen, endlich über seinen Schatten zu springen, den Kopf anzuschalten und zu erkennen, dass wir in erster Linie vor allem eins sind – Menschen!

Menschen, die es allesamt verdient haben, dass ihre Grundversorgung und Grundbedürfnisse gesichert sind. Denn niemand verlässt freiwillig sein Land, ohne jegliches Hab und Gut und setzt dabei in mehreren grauenvollen Etappen sein Leben auf’s Spiel. Macht endlich die Augen auf, denn wir befinden uns alle im Krieg! Mich macht es wütend zu sehen, wie unmenschlich sich einige Leute benehmen und was sie in purer Dummheit für Sachen von sich geben. Am liebsten würde ich genau diese Leute allesamt packen und mit auf eine Reise nehmen, auf der sie erfahren, was diese Menschen durchgemacht haben, um in Sicherheit hier leben zu können. Nachdem die Neuankömmlinge hier eingetroffen sind und denken, dass sie nun alles hinter sich haben, geht es leider erstmal mit vielen Strapazen weiter. Da es kaum Unterkünfte, gibt werden sie in Auffanglager, wie zum Beispiel in Traiskirchen gepfercht. Die Umstände dort sind katastrophal und menschenunwürdig. Und als ob all das nicht genug wäre, werden diese Menschen noch mit festgefahrenen Schubladendenken und ekelhaften braunen Gedanken konfrontiert. Menschen die so denken und handeln: Schämt euch! An dieser Stelle solltet ihr mal einen Moment inne halten, um euren Standpunkt zu überdenken. Vielleicht hilft euch meine Geschichte aber auch dabei, eure Angst gegenüber Fremden zu überwinden.

Nach diesen ernsten Worten, möchte ich euch nun meine eigene Geschichte erzählen und darauf hinweisen, wie unbefangen Kinder miteinander umgehen können – egal welche Sprache man spricht oder welchen Status man hat. Denn von der Unbefangenheit von Kindern können wir noch eine ganze Menge lernen.

In der Straße, in der ich damals gewohnt habe, gab es insgesamt drei Flüchtlingsheime / Asylantenheime. Zwei davon waren für Familien und das eine, ganz am Ende der Straße, für junge Männer und Frauen, die sich in den mehreren Wohnungen zu Wohngemeinschaften zusammen schließen sollten, um dort zusammen zu leben. Ich war damals drei oder vier Jahre alt, als wir in diese Straße gezogen sind. Zwischen den beiden Asylantenheimen befand sich noch ein Haus mit mehreren Wohneinheiten und davor befand sich eine mittelgroße Grünflache und zusätzlich nochmals eine doppelt so große Betonfläche, wo alle Kinder aus der Nachbarschaft zusammen spielten. Hier gab es keine Kontaktsperren, Sicherheitsleute oder großen Bürokratie Dschungel …die Flüchtlinge wurden direkt integriert. Für uns Kinder war es wahrscheinlich nochmals leichter, als für einige Erwachsene, denn für uns waren es einfach neue Spielkameraden; je mehr desto besser, dachten wir und so war es auch.

Meine Familie und auch viele andere Nachbarn waren von Anfang an bemüht, den Neuankömmlingen in unserem Dorf Hilfestellungen beim Einleben zu leisten. Der Kontakt war von Anfang an, trotz Sprachbarriere, da. Die Gemeinde organisierte zudem, dass alle paar Wochen ein Spielmobil vorbeikam; hier wurden Hüpfburgen aufgebaut und unterschiedliche Spielsachen für den Außenbereich verteilt, sodass Kinder und Erwachsene aller Herrenländer in Kontakt miteinander traten.

Mit einem Mädchen verstand ich mich auf Anhieb prima und wir schlossen direkt Freundschaft. Das war Lule, die zusammen mit ihren Eltern und ihrem älteren Bruder Faton aus Albanien geflohen waren. Später wurden noch die kleine Mimoza und Ajet in Deutschland geboren. Ihnen wurde in ihrem Land alles genommen. Lule’s Vater war in ihrer Heimat Lehrer und es ging der Familie vor dem Krieg sehr gut. Hier in Deutschland angekommen, hatten sie nichts mehr, kein Haus, kein Geld, keine Kleidung, keine Sprachkenntnisse. Sie waren so dankbar, dass der größte Teil des Dorfes sie ohne Protest aufnahm und ihnen half, wieder auf die Beine zu kommen, sodass sie in Deutschland in Frieden neu anfangen konnten. Ihre Dankbarkeit und Freude war wirklich grenzenlos. Sobald sie die Erlaubnis erhielten, arbeiten gehen zu dürfen, waren sie sich für keinen Job zu schade. Sie hatten mehrere Putzstellen in der Umgebung und jobbten für jeden Hungerlohn, wo sie nur konnten. Sie wollten sich wieder ein schönes Leben aufbauen und die Vergangenheit ruhen lassen. Aus der Wohnung im Flüchtlingsheim, in dem sie wohnten, machten sie mit den kleinsten Mitteln direkt ein schönes zu Hause für die gesamte Familie. Sie waren sehr stolz, dass sie sich trotz aller Umstände ein schönes Heim für sich und ihre Kinder geschaffen hatten, deswegen wurde ich auch sehr oft zu ihnen eingeladen. Dort gab es meistens Lule’s Leibspeise: Nutella-Toastbrot. Doch diese ganzen Hintergründe, die Abstammung oder Nationalität, spielten für mich nie eine Rolle, denn sie war einfach meine Freundin Lule. Acht Jahre lang verbrachten wir fast jeden Tag zusammen, um die Welt zu entdecken. Wir waren ganz dicke Freunde und zu unserer Truppe gehörten noch ein paar andere Mädchen: Steffi, Fatosch und Arnela. Wir waren ein bunter Haufen und verstanden und prächtig. Durch diese Freundschaften lernte ich viele bisher unbekannte Dinge kennen, aber vor allem lernte ich eins: keine Unterschiede zwischen Menschen zu ziehen, egal welcher Abstammung sie angehören.

Die Familien und auch die einzelnen Frauen und Männer integrierten sich sehr schnell, erlernten die Sprache und waren meines Erachtens eine Bereicherung für unser kleines Dörfchen. Sie waren alle so dankbar, nun bei uns leben zu dürfen und strahlten, trotz der vergangenen Erlebnisse, eine Energie und Lebensfreude aus, die wirklich unfassbar war. Einige von ihnen leben heute noch in dem Dorf oder der näheren Umgebung und sind nach und nach in andere Wohnungen, außerhalb des Heims, gezogen. Lule und ihre Familie sind nach achteinhalb Jahren in Deutschland wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, weil das Heimweh doch überhand nahm und ihr Vater gerne wieder beim Aufbau der Schulen helfen wollte. Er sagte, dass er hier so viel Hilfe erfahren habe und es nun Zeit wäre, dass er seinem Land hilft, um den Leuten aufzuzeigen, dass ein Zusammenleben auch anders funktioniert. Im August 2000 kehrte Lule, gemeinsam mit ihrer Familie, wieder zurück in ihre fremde Heimat. An diesem Tag verlor ich eine wirklich gute Freundin und unsere Straße tolle Nachbarn!

Einige Jahre hatte ich leider kaum Kontakt zu Lule und ihrer Familie. Doch seitdem es Facebook gibt, sind wir wieder miteinander vernetzt und schreiben uns hin und wieder. Mittlerweile ist Lule in die Fußstapfen ihres Vaters getreten und ist selbst Lehrerin.

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16 Comments

  • Posted 12. August 2015 17:34
    by sPOTTlight

    So wahre Worte, Liebes! Ich weiß nicht, warum so viele Menschen so herzlos und egoistisch sind und sich vor allem nicht in die Lage der Leute versetzen können. Aber auch diese ganze Berichterstattung macht’s vielen nicht leichter, sich an die „Fremden“ heranzutrauen. Statt immer wieder Vorfälle und schreckliche, weltfremde Bilder zu zeigen, sollte man das alles als selbstverständlich ansehen und nicht so außergewöhnlich darüber berichten. Da wäre die Kontaktfreude vielleicht größer. Wie du eben damals auch als Kind mit deiner Freundin umgegangen bist 😉 Und wie du sagst: Es sind alles Menschen wie wir, die es nicht verdient haben, respektlos oder schlecht behandelt zu werden!

  • Posted 12. August 2015 18:54
    by Farina

    Ich freue mich jetzt verstärkt solche Beiträge bei Bloggern zu finden, dass ist so wichtig! Wenn wir schon so viele Leser haben, sollten wir unsere Text auch mal für etwas gutes Nutzen. Bei Facebook sehe ich so oft Post’s von Leuten bei denen ich einfach an ihrem Menschenverstand zweifle, so traurig!
    Liebst,
    Farina

  • Posted 13. August 2015 9:20
    by MuhKuhAddict

    Danke für Deinen Beitrag und Einsatz!
    Ich bin mittlerweile wirklich froh und auch dankbar, dass ich immer mehr Beiträge zu diesem Thema finde.

    Als ich meine Bühne für bunt gestartet habe, fand ich kaum Artikel. Es war erschreckend still…
    Ich möchte Dich gerne einladen, Deinen Text auf meinem Blog zu verlinken.
    Schreib mir doch einfach eine kurze Mail, ob Du Interesse hast. 🙂

    http://www.muhkuhaddict.com/2015/04/eine-buhne-fur-bunt-part-2.html

  • Posted 13. August 2015 20:27
    by Ella Wayfarer

    Toller Artikel. Mehr kann man da nicht sagen. Ich frage mich oft, woher diese Missmut überhaupt kommt?! Wie kann man so griesgrämig und geizig werden… Ich hoffe es lesen auch welche, die vielleicht nicht 100%ig deiner Meinung sind.
    ♡ Ella

    • Posted 18. August 2015 16:34
      by Elisa Zunder

      Liebe Ella,
      vielen lieben Dank für dein Feedback. Ich hoffe auch, dass es einige Leute lesen, die bislang anderer Meinung sind und die ihre Ansichten so ändern können.
      Und damit genau das passiert müssen wir unsere Reichweite nutzen, unsere Stimmen erheben und aufklären.

  • Trackback: REFUGEES WELCOME // ON MY MIND - stryleTZ
  • Posted 18. August 2015 11:49
    by Verena Fiona

    Da gibt es wurklich NICHTS mehr hinzuzufügen, daher habe ich deinen Text samt Bild auf meinem Blog verlinkt!
    Liebe Grüße
    Verena Fiona

    • Posted 18. August 2015 16:31
      by Elisa Zunder

      Super, vielen lieben Dank!
      Umso mehr Leute diese Thematik teilen desto mehr können wir mit unserer Reichweite im Netz erreichen! <3

  • Trackback: Monatsrückblick August | Zunder
  • Posted 3. September 2015 15:57
    by Lotta

    Ich schließe mich meinen Vorrednern an: Dem ist nichts hinzuzufügen, danke fürs Niederschreiben <3

  • Trackback: Wir sind vor allem eins: Menschen #2 | Zunder
  • Trackback: Eine Bühne für Bunt - Part 2 - MuhKuhAddict|Fitness|Veganfood|tierversuchsfreie Kosmetik|Fitnesslifestyle und Leben in Leipzig
  • Trackback: Eine Bühne für Bunt - Part 2
  • Trackback: afd, nein danke!

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